Studie: Österreichische Privatbanken bleiben im internationalen Wettbewerb weiter zurück

Aktuelles Ranking unter Europas Privatbankkunden zeigt einen Dämpfer nach Fortschritten in den letzten Jahren. Im Retail Banking Radar 2017 der internationalen Managementberatung A.T. Kearney haben sich die österreichischen Banken zwar gegenüber dem Vorjahr gesteigert und verbuchen bessere Erträge als die meisten europäischen Banken, trotzdem sind sie bei den Kosten Schlusslicht. Einziger Lichtblick: Die einst krisengeschüttelte BAWAG zeichnet sich als besonders kosteneffizient aus.

Die internationale Bankenlandschaft befindet sich im Umbruch. „Den europäischen Banken ist es noch nicht gelungen, sich dem Niedrigzinsumfeld anzupassen. Diese Belastung und die Dämpfung des realwirtschaftlichen Aufschwungs machen sich daher bemerkbar“, fasst Daniela Chikova, Partner Financial Services bei A.T. Kearney in Österreich und Co-Autorin der Studie, die Ergebnisse des aktuellen „Retail Banking Radar“ zusammen.

Der Retail Banking Radar 2017 der Managementberatung A.T. Kearney untersucht seit 2007 jährlich die Performance europäischer Retailbanken und erlaubt damit einen umfassenden und einzigartigen Einblick in die Stärken und Schwächen der Privatkundenbanken in Europa sowie in die Position der österreichischen Institute im europäischen Wettbewerb. Für die aktuelle Studie wurden die Daten von fast 100 Privatkundenbanken und Bankengruppen in 22 europäischen Ländern hinsichtlich der Kriterien Ertrag pro Kunde und Mitarbeiter, Gewinn pro Kunde, Cost-Income-Ratio und Kreditrisikovorsorgequote untersucht. In der Studie wurden auch Champions unter den europäischen Privatkundenbanken identifiziert: jene Institute, die sich besonders deutlich bei Kosten, Ertrag und Digitalisierung vom Wettbewerb absetzen.

Daniela Chikova: „Das im Vergleich zum Vorjahr abgeschwächte Wachstum des Einlagen- und Kreditgeschäftes konnte den Margenverfall nicht mehr kompensieren. Zudem haben Länder  wie Italien und Portugal wieder massiv mit faulen Krediten zu kämpfen. Dies führt zu einer deutlich schlechteren Profitabilität, die den Fortschritt des Vorjahres komplett aufgezehrt hat. Österreich schneidet besser ab, allerdings haben die Institute die Chancen zu strukturellen Bereinigungen noch nicht ausreichend genutzt. Die Achillesferse ist weiterhin die Kosteneffizienz – mit ca. 70% Kosten zu erwirtschafteten Erträge bleiben heimische Banken durchgehend Schlusslicht im europäischen Vergleich. So sind zwar in den letzten fünf Jahren beispielsweise Fortschritte beim Filialabbau (12%) erzielt worden, diese liegen jedoch deutlich unter den 30% anderer Länder wie Großbritanniens oder der Niederlande.“

Trotz positiven wirtschaftlichen Umfelds bleibt das europäische Privatkundensegment, so die diesjährigen Ergebnisse, weiterhin stark unter Druck. Aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsmarge sank der durchschnittliche jährliche Ertrag pro Kunde um 3% auf 633 Euro. Zusätzlich stieg die Risikovorsorge um 20%, insbesondere in Portugal und Italien. Dies konnte durch eine um 2% höhere Produktivität pro Mitarbeiter nicht ausgeglichen werden, sodass der Gewinn je Kunde um 14% sank.

Das Ergebnis der österreichischen Privatkundenbanken ist im Vergleich zu Westeuropa besser, wenn auch nicht zufriedenstellend. Die österreichischen Privatkundenbanken verloren unter anderem durch Interchange Regulierung ~3% der Provisionserlöse. Gleichzeitig schafften Sie es, trotz weiter erodierender Zinsmargen die Zinserträge um ~3,7% zu steigern. Kosteneinsparung blieben trotz Schließung weiterer 5% der Filialen komplett aus.

Das bessere Abschneiden im westeuropäischen Vergleich verdankten die österreichischen Privatkundenbanken auch den besseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Der Anstieg des Geschäftsvolumens (Einlagen und Kredite) im letzten Jahr lag in Österreich mit 5,8% deutlich über dem westeuropäischen Schnitt von 3,1%. Trotz der ertragsbedingten Verbesserung der Kosten-Ertrags-Relation um 2 pp von 72% letztes Jahr bewegen sich heimische Institute auch unter Berücksichtigung der historisch niedrigen österreichischen Risikovorsorgequoten nur im letzten Drittel der europäischen Banken.

BAWAG ist neuer Musterschüler

Als Best Champion wurde in diesem Jahr für den deutschsprachigen Raum die BAWAG ausgezeichnet. Seit ihrer Akquisition durch Cerberus hat sie ihre Produkt- und Vertriebskomplexität reduziert, die Nutzung digitaler Kanäle intensiviert und die Mitarbeiterproduktivität verbessert. Das Ergebnis: Senkung der Kosten in den vergangenen zwei Jahren um 16%. Auch die ING-DiBa fällt im deutschsprachigen Raum durch eine überdurchschnittliche Performance (mehr als 10%) beim Ertrag pro Kunde auf. Die Gründe: überdurchschnittliches Wachstum im Geschäftsvolumen, steigende Erträge aus dem Depotgeschäft und Vernetzung mit einer stark wachsenden Wholesale-Banking-Division. Auch Zukäufe können ein Erfolgsrezept sein, wie das Beispiel Banca Transilvania aus Rumänien, zeigt, ebenfalls ein europäischer Musterschüler: Mit der Übernahme der Volksbank Romania, die sie in Rekordzeit von acht Monaten nach Closing in das operative Geschäft integriert hat, ist sie zum Marktführer im hochprofitablen und wachstumsstarken Segment für klein- und mittelständische Unternehmen aufgestiegen. Das Ergebnis: Steigerung des Ertrags pro Kunde um 23% in nur zwei Jahren.

„Die österreichischen Banken haben die Gunst der Stunde noch nicht ausreichend genutzt, um ihre strukturellen Nachteile zu beseitigen“, kommentiert Achim Kaucic, Principal Financial Services bei A.T. Kearney in Österreich, das Abschneiden heimischer Institute und ergänzt „da die österreichischen Privatkundenbanken kaum Spielraum hinsichtlich Zinsmarge haben und sich das aktuelle Volumenswachstum (Einlagen und Kredite +5,8% vs. Vorjahr) nicht nachhaltig fortsetzen wird, müssten sie die Provisionserlöse um fast 30% steigern und die Kosten um fast 20% vor jährlichen Gehaltssteigerungen senken, um eine Cost-Income-Ratio von 60% zu erreichen. Eine gewaltige Herausforderung, die jetzt in einem positiven Wirtschaftsumfeld konsequent angegangen werden sollte.“

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