Nachdem ich im Dezember 2015 den Artikel von Reto Schnyder „Fintech ist eine Blase – und das ist gut so…“  wiedergegeben habe möchte ich heute (mit freundlicher Genehmigung des Autors Ralf Keuper, Betreiber des Banking-Blogs „Bankstil„) eine andere Sichtweise zu diesem Thema bringen. Mein Vorschlag: Lesen Sie beide Artikel nacheinander und bilden Sie sich selbst Ihre Meinung…

Es gibt sie, diese Momente, wo man glaubt, die Geschichte, die einem präsentiert wird, schon einmal gehört oder gelesen zu haben. Um so einen Fall handelt es sich nach meinem Eindruck bei der Unterscheidung, die seit einiger Zeit zwischen einer Technologie- und Spekulationsblase gemacht wird. Mittlerweile ist kaum noch zu übersehen, dass der Markt für Venture Capital erste Anzeichen einer Überhitzung zeigt. Der Investor Bill Gurley etwa, äußert in einem Interview mit Interview mit Technology Review, dass (zu) viele Tech-Startups überbewertet seien.
Auch die Finanzierung der FinTech-Startups ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen.
Inzwischen räumen immer mehr Beobachter ein, dass wir es im Bereich Fintech mit einer Blase zu tun haben, jedoch mit dem entscheidenden Zusatz, dass es sich um eine Technologieblase und keine Spekulationsblase handele, wie in Fintech ist in einer Blase – und das ist gut so … 
Diesmal, so die Hoffnung, ist alles anders.
Tatsächlich?
Handelte es sich denn nicht auch bei der Dotcom-Blase um eine Spekulationsblase? Besteht vielleicht doch ein Zusammenhang zwischen der Tulpen-Manie, der Dotcom-Blase und der derzeitigen Tech-Blase? Ist der gemeinsame Nenner nicht der irrationale Überschwang, von dem Joseph E. Stiglitz in seinem Buch Die Roaring Nineties. Der entzauberte Boom sprach?

Bei der Tulpenzwiebel-Blase in Holland Anfang des siebzehnten Jahrhunderts erreichte der Preis für eine Tulpenzwiebel schließlich den Gegenwert von mehreren tausend Dollar; alle Investoren waren bereit, diesen Preis zu zahlen, da sie erwarteten, die Zwiebel zu einem noch höheren Preis weiterverkaufen zu können. Blasen basieren auf irrationalem Überschwang, und vielleicht ist die Irrationalität des Marktes seit der Tulpenzwiebel-Manie nicht mehr so deutlich geworden, denn Investoren bezahlten in den neunziger Jahren Milliarden von Dollar für Unternehmen, die noch keinen Cent Gewinn erwirtschaftet hatten – und dies aller Voraussicht nach auch nie tun würden. 

Auch sonst bewertet Stiglitz Blasen äußerst kritisch:

Manche Abweichungen von den Fundamentaldaten halten sich mitunter relativ lange, spekulative Blasen am Immobilienmarkt beispielsweise und in jüngster Vergangenheit bei den Technologieaktien.  Als Greenspan von „irrationalem Überschwang“ sprach, meinte er vor allem diese. Die zufallsbedingten Marktineffizienzen sind mit hohen Kosten verbunden; in das eine Unternehmen wird möglicherweise zu viel, in das andere zu wenig investiert. Aber die Kosten von Blasen bewegen sich in einer anderen Größenordnung, nicht nur während der spekulativen Übertreibung, sondern auch und vor allem im Anschluss daran. Solange eine Blase besteht, werden alle möglichen Ressourcen verschwendet, und zwar in einem Ausmaß, das sich oft nur schwer abschätzen lässt und das die Verschwendung öffentlicher Gelder weit in den Schatten stellt. 

Eine Technologieblase wird daher zwangsläufig von einer Spekulationsblase begleitet, wie sollte auch sonst eine Blase entstehen? Rein aus Technologie? Wie soll das gehen? Wie kann eine Technologieblase finanziert werden, ohne dass dabei Spekulation und, ab einem gewissen Zeitpunkt jedenfalls, irrationaler Überschwang, sei es an der Börse oder bei VC-Gesellschaften,  mit im Spiel sind?
Das sind bestenfalls Spiegelfechtereien. Am eigentlichen Befund ändern sie nichts – auch nicht die Schaffung einer neuen, künstlichen Kategorie, eines neuen Begriffs, wie einer Technologieblase. Augenwischerei.
Dass auch Fintech nicht die Regeln des Finanzmarktes außer Kraft setzt, belegt nicht zuletzt auch das Aufkommen von Index-Fonds, die sich auf Fintech spezialisiert haben.
Wir sollten uns daher nicht Sand in die Augen streuen oder streuen lassen und stattdessen die Lage so sehen, wie sie ist. Was ist daran so tragisch, sich einzugestehen, dass auch im Tech-Sektor Spekulation die treibende Kraft ist? Geht mit Fintech jetzt auf einmal ein neues Denken einher, das zu einem Bruch mit der Vergangenheit führt? Ausgerechnet Fintech? Ist diesmal wirklich alles anders? Wohl kaum.
Noch einmal Stiglitz:

Hier geht es nicht darum, Noten zu geben, sondern darum, aus den Fehlern der Vergangenheit die richtigen Lehren zu ziehen. Dazu zählt: Wir haben zu sehr auf Worte vertraut, auf einen verschwommenen Vertrauensbegriff, auf die vermeintliche „Weisheit“ der Finanzmärkte, und wir haben den zugrunde liegenden realwirtschaftlichen Faktoren zu wenig Beachtung geschenkt. Wir verließen uns mehr auf Glaubenssätze als auf Wirtschaftswissenschaft, so unvollkommen unser Wissen auch sein mag. 

Auch in dem vorliegenden Beitrag geht es nicht darum, Noten zu verteilen, wohl aber darum, die realwirtschaftlichen Fakten sowie die Lehren aus der jüngeren Wirtschaftsgeschichte zu beherzigen und nicht reinem Wunschdenken zu verfallen.
Dass ohne Spekulation viele Technologien oder Innovationen nie das Licht der Welt erblickt hätten, steht außer Frage. Besonders eindrücklich hat das Zusammenspiel von Spekulationsblasen und technologischem Fortschritt Carlota Perez in Technological Revolutions and Financial Capital: The Dynamics of Bubbles and Golden Ages beschrieben.
In der Einführung schreibt Perez:

This book will argue that similar productivity explosions and bursts of financial excitement leading to economic euphoria and subsequent collapses of confidence have occurred together before. They are interrelated and interdependent phenomena; they share the same root cause and are in the nature of the system and its workings. They originate in the way technologies evolve by revolutions, in the peculiar manner in which these great upsurges of wealthcreating potential are assimilated by the economic and social system and in the functional separation of financial and production capital. …

Financial capital plays a crucial role all along. It first supports the development of the technological revolution, it then contributes to deepen the mismatch leading to a possible crash, it later becomes a contributing agent in the deployment process once the match is achieved and, when that revolution is spent, it helps give birth to the next.

Drei Mechanismen hat Perez identifiziert, deren Zusammenwirken nötig ist, damit sich eine technologische Revolution durchsetzen kann:
1. the fact that technological change occurs by clusters of radical innovations forming successive and distinct revolutions that modernize the whole productive structure; 
2. the functional separation between financial and production capital, each pursuing profits by different means; and 
3. the much greater inertia and resistance to change of the socio-institutional framework in comparison with the techno-economic sphere, which is spurred by competitive pressures.
Das trifft es ganz gut. Allerdings bin ich der Ansicht, dass wir es hier nicht mehr mit Innovationszyklen zu tun haben, die nur alle fünfzig Jahre auftreten. Der Zeitraum für die Durchsetzung neuer technologischer Standards hat sich, so Steven Johnson in Wo gute Ideen herkommen. Eine kurze Geschichte der Innovation, deutlich verkürzt. Neu hinzugekommen ist im Fall von Fintech, dass die Finanzindustrie ihre eigene Revolution mit Kapital ausstattet und eine Wette auf ihre Zukunft macht.
Fintech muss den Beweis erst noch antreten, dass es sich dabei um mehr als nur einen Hype handelt. Bisher haben wir es, so jedenfalls meine Überzeugung, mit einem Übergangsstil zu tun, d.h. mit einer Entwicklung, die noch zu wenig Eigendynamik und originale Elemente hat, als dass daraus etwas Neues, disruptives entstehen könnte. Dafür sind die Fintech-Startups – in ihrer Mehrzahl – noch zu sehr in den Denkkategorien der Banken verhaftet und auf deren Infrastruktur angewiesen.